Tag der Inklusion: „Gehalt statt Taschengeld!“

Anlässlich des internationalen „Tag der Inklusion“ am 5. Mai fordert die Lebenshilfe Vorarlberg für Menschen mit Behinderungen Arbeitsplätze am allgemeinen Arbeitsmarkt und eine angemessene Entlohnung. Denn nur so ist eine sozialrechtliche Gleichstellung möglich – und damit gelebte Inklusion.

Im aktuellen Regierungsprogramm ist eine „Erhöhung des Taschengeldes“ für Menschen mit Behinderungen in allen Werkstätten in Österreich angedacht. Doch das entspricht weder dem Vorarlberger Chancengesetz (2006) noch der UN-Behindertenrechts­konvention (2008 in Österreich ratifiziert). Denn Menschen mit Behinderungen sollen am allgemeinen Arbeitsmarkt arbeiten können wie andere auch. Nur so ist die arbeits- und sozialrechtliche Gleichstellung, mit angemessener Entlohnung sowie einer gesetzlichen Kranken- und Pensionsversiche­rung über­haupt möglich. „Wichtig ist uns, dass Menschen mit Behinderungen in den allgemeinen Arbeits­markt eingegliedert werden. Sie erfahren dadurch Wertschätzung für ihre Leistung, Begegnungen werden ermöglicht und Inklusion – die selbstverständliche Teilhabe – aktiv gelebt. Wir sind über­zeugt, dass auch Menschen mit höherem Unterstützungsbedarf – mit entsprechender Assistenz – ebenfalls zeigen können, wo ihre Stärken liegen. Eine entsprechende Entlohnung für die erbrachte Leistung sollte daher, wie für uns alle, üblich sein“, erklärt Georg Matzak, Geschäftsbereichsleiter Mobile Dienste beim heutigen Mediengespräch.

Ein entsprechendes Gehalt für Menschen mit Behinderungen könnte sich an den Kollektiv­ver­trägen der jeweiligen Branchen orientieren. Das Beschäftigungsausmaß für Menschen mit Behinderungen auf integrativen Arbeitsplätzen in Unternehmen liegt derzeit bei rund 50 Prozent, da mehr Arbeitszeit oft nicht möglich ist. „Ein Wegfall von Beihilfen – wie Familienbeihilfe, Waisen­pension, etc. – wird im Vorfeld von unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bei den entsprechen­den Behörden abgeklärt. Dies ist  beispielsweise bei geringfügigen Beschäftigungen und der damit eingehaltenen Mindestgrenzen meist keine Barriere, um den Schritt nicht zu wagen. Bei einem Arbeitsplatz mit Gehalt werden auch die Regelleistungen schlagend und es fallen damit einige Leistungen aus dem Sozialfond weg“, so Georg Matzak.

Für Selbstvertreter und Vorstandsmitglied Klaus Brunner ist für Menschen mit Behinderungen ein Gehalt aus einem weiteren Grund noch wichtig: „Unsere soziale Stellung ändert sich – vom Almosen-Empfänger zum gleichgestellten Bürger. Zudem sind wir erwachsene Menschen und nur Kinder bekommen ‚Taschengeld‘! Durch einen richtigen Arbeitsplatz und Gehalt steigt unser Selbstwert und unsere Würde. Wir haben dazu die Möglichkeiten, uns weiterzuentwickeln und auch mit der Zeit neue Tätigkeiten zu erlernen. Denn ich bin überzeugt, dass auch Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf etwas leisten.“

Chance für Unternehmen

Aus Sicht der Lebenshilfe Vorarlberg gibt es in jeder Branche und jedem Unternehmen Tätigkeiten, die Menschen mit Behinderungen erbringen können. „Wir sehen uns gerne gemeinsam mit dem jeweiligen Unternehmen an, welche Möglichkeiten es gibt. Danach schauen wir, welche Person bringt die Fähigkeiten dafür mit und hat eventuell schon in unseren Werkstätten und Qualifizie­rungs­­programmen entsprechende Tätigkeiten erlernt. Wir kontaktieren auch Unternehmen, wenn wir Menschen mit Behinderungen begleiten, die gerne in diesem Bereich arbeiten möchten“, beschreibt Georg Matzak den Ablauf. Finanzielle Förderungen helfen dabei, dass integrative Arbeitsplätze für Unternehmen nicht zur Belastung werden. Dazu unterstützen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Lebenshilfe Vorarlberg Menschen mit Behinderungen direkt am neuen Arbeitsplatz und unterstützen die firmeninternen Mentorinnen und Mentoren, sodass nicht nur Menschen mit Behinderungen sondern auch Unternehmen in jeglicher Hinsicht gut belgeitet sind.

„Als die ersten Gespräche mit Andreas Pap von der Lebenshilfe Vorarlberg stattfanden, hatte ich zunächst meine Bedenken wie gut es klappt. Aber ich wollte René Fischer die Möglichkeit geben, bei uns in den Betrieb reinzuschnuppern und zu zeigen, was er kann. 2016 hat er bei uns in der SPIELFABRIK zu schnuppern begonnen und ist seither für die Geschirrwägen im Selbstbedie­nungs­­­restaurant zuständig. Wenn diese voll sind, bringt er sie in die Küche, leert die Abfälle von den Tellern und sortiert das Geschirr. Danach muss sich eine Mitarbeiterin nur mehr um das Befüllen des Geschirrspülers kümmern“, erzählt Natty Handle, Geschäftsführerin der SPIELFABRIK in Dornbirn. Mittlerweile arbeitet René Fischer, der einen höheren Unterstützungs­bedarf hat, 15 Stunden die Woche im Indoorspielplatz: „Mir gefällt die Arbeit voll gut und die Leute sind sehr nett zu mir. Ich kann auch immer sagen, wenn ich Hilfe brauche, dann helfen sie mir. Dachte am Anfang, dass sie jemand brauchen, der schneller ist als ich. Aber jetzt arbeite ich jeden Nachmittag hier und bekomme auch mehr Geld – das ist voll gut! Ich wollte nicht nur in der Werkstätte arbeiten. Und jetzt arbeite ich wie jeder andere auch.“ Nicht nur er ist zufrieden mit seinem Arbeitsplatz, auch seine Chefin mit ihm: „René ist fleißig und zuverlässig. Alle im Team arbeiten gerne mit ihm zusammen. Wenn es doch mal etwas gibt, wo wir unsicher sind, dann können wir uns jederzeit an das Team der Lebenshilfe wenden. Das ist eine große Hilfe. Da alles so gut klappt, haben wir uns auch entschlossen einen weiteren integrativen Arbeitsplatz zu ermöglichen.  Anderen Unternehmen kann ich nur Mut machen, es auch zu versuchen.“

Aber nicht nur für Unternehmen braucht es Mut, den Schritt zu wagen, sondern auch für die Betroffenen selbst. „Wir Menschen mit Behinderungen müssen auch rausgehen aus unserer gewohnten Umgebung mit vertrauten Personen und den Schritt in eine Firma wagen. Nur dadurch können wir neue Erfahrungen machen und dazulernen. Wir sind aber bereit, nicht nur Rechte zu haben, sondern auch Pflichten zu übernehmen. Wir wollen einen Beitrag für die Gesellschaft leisten“, betont Selbstvertreter Klaus Brunner abschließend.

Voraussetzungen für die Umsetzung

Damit die Lebenshilfe Vorarlberg die Inklusion auch am allgemeinen Arbeitsmarkt weiter voran­treiben kann, braucht sie die Unterstützung der Unternehmen sowie des Landes. Denn alle Men­schen – mit ihren unterschiedlichen Stärken und Schwächen – sollen in Zukunft gleichberechtigt leben und arbeiten können.

Um die Forderung von „Gehalt statt Taschengeld“ umzusetzen, braucht es:

  • Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderungen am allgemeinen Arbeitsmarkt – Arbeiten wie andere auch
  • Arbeits- und sozialrechtliche Gleichstellung – angemessene Entlohnung und gesetzliche Kranken- und Pensionsversicherung
  • Individuelle Persönliche Assistenz vor allem auch am Arbeitsplatz

FACTBOX

Aktuelle Vermittlungszahlen:

  • „Jobwärts“: 40 Personen wurden 2017 für die Vermittlung auf den Arbeitsmarkt begleitet
  • „JobKombi“: 37 Personen arbeiten stundenweise in Unternehmen und in Lebenshilfe-Werkstätten
  • 567 Personen werden im Geschäftsbereich „Arbeiten & Beschäftigen“ insgesamt begleitet
  • 55 Unternehmen aus etwa 13 Branchen kooperieren im Bereich „Jobwärts“ mit der Lebenshilfe

Die Lebenshilfe Vorarlberg gesamt:

  • 960 Menschen mit Behinderungen werden von der Lebenshilfe begleitet
  • 848 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter (in Köpfen), das sind etwa 578 in Vollzeit
  • 543 ehrenamtlich und freiwillig Engagierte
  • 60 Standorte in ganz Vorarlberg – darunter 26 im Bereich „Arbeiten & Beschäftigen“
  • 1 Verein: Lebenshilfe Vorarlberg 
  • 3 GmbHs: Lebenshilfe Vorarlberg GmbH, Sunnahof Le­bens­hilfe Vorarlberg GmbH, IAZ Integratives Ausbildungszentrum Lebenshilfe Vorarlberg GmbH
    (Stand: 31.12.2017)

Der Pressetext zum Herunterladen:

Unterstützungsmodelle auf den Weg zum Arbeitsplatz:


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Sabrina Matt B.A.
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